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Die Schwarzwaldklinik

 

Sterbehilfe (1)

 

 

Beim Konzert auf dem Schloss. Ein Streichorchester spielt.

Professor Brinkmann und Käti auf dem Weg zur Garderobe.

Käti: So.

Prof. Brinkmann: Ich hab's eilig bitte. Danke vielmals.

Professor Brinkmann entdeckt Schwester Christa an der gegenüberliegenden Seite der Garderobe. Er geht hin und hilft ihr mit dem Mantel. 

Schwester Christa: Danke!

Prof. Brinkmann: Bitte!

Schwester Christa: Es war nicht fair von mir abzusagen, entschuldigen Sie.

Käti kommt dazu.

Käti: Dein Mantel.

Prof. Brinkmann: Darf ich vorstellen, Christa Mehnert. Käti, die treue Seele des Hauses.

Käti: Guten Abend.

Schwester Christa: Guten Abend.

Käti: Ein schönes Konzert, nicht wahr?

Schwester Christa: Ja, ich liebe diese alte Musik.

Käti: Hah, ich nicht. Das heißt, ich kann mit keiner Musik was anfangen. Ich bin der unmusikalischste Mensch der Welt. Aber da Klaus mich so selten mal zu einer Festlichkeit einlädt, bin ich eben mitgegangen. Also los, gehen wir.

Professor Brinkmann, Schwester Christa und Käti verlassen das Schloss.

Käti: Haben Sie einen Wagen da? Wollen Sie mit uns fahren?

Schwester Christa: Mein Auto ist zur Reparatur, aber es fährt ja ein Bus.

Käti: Warum wollen sie auf den Bus warten, wenn Sie mit uns fahren können? Nicht wahr, Klaus?

Prof. Brinkmann: Natürlich. Na, da ist der Wagen.

Käti: Nein nein, ich steig' hinten ein. Vorne wird mir schlecht. Danke!

Professor Brinkmann hilft Schwester Christa beim Anschnallen des Gurtes. Sie sehen sich an.

Käti: Wolltet Ihr ursprünglich zusammen ins Konzert gehen?

Professor Brinkmann erscheint diese Frage peinlich.

Dr. Marker auf dem Weg mit dem Traktor zu einem Patienten.

Im Haus der Familie Lutz.

Frau Martin: Ist gut so?

Lutz: Ja, danke danke.

Frau Martin sieht zum Fenster raus.

Frau Martin: Ah, da kommt der Doktor.

Dr. Marker steigt vom Traktor.

Dr. Marker: Danke, Stoll.

Bauer Stoll: Ja, gern geschehen.

Dr. Marker: Tschüß!

Bauer Stoll: Tschüß!

Frau Martin: Auf dem Traktor vom Stoll. Der hat wohl mal wieder einen Platten gehabt. (lacht)

Dr. Marker kommt rein.

Frau Martin: Grüß Gott, Herr Doktor.

Dr. Marker: Tag Frau Martin. Na? Wie gehts?

Frau Martin: Er hat wieder nichts gegessen. Dabei habe ich ihm so eine gute Suppe gemacht.

Lutz: Ich habe eben keinen Hunger.

Frau Martin: Wer leben will, muss essen.

Lutz: Will gar nicht leben.

Frau Martin: So redet er nun daher. Äh, ich geh dann jetzt. Ich hab drüben noch zu tun. Vielleicht isst er die Suppe ja noch. Ich hab sie stehen lassen. Ich komm später nochmal wieder.

Dr. Marker: Machen Sie das, Frau Martin.

Dr. Marker findet ein Röhrchen Tabletten. Es ist leer.

Lutz: Heute bin ich schmerzfrei, Doktor. Endlich mal.

Dr. Marker: Du hast aber auch mehr als zwei Tabletten genommen.

Lutz: Drei... hehe... ist besser. Vielleicht komme ich so leichter zu meiner Grete.

Dr. Marker: So kommst Du leichter auf die Intensivstation. Lutz, Deine Pumpe ist zu schwach.

Lutz: Du, äh... da ist ein Brief in meiner Kommode.

Dr. Marker holt den Brief und liest ihn durch.

Dr. Marker: Lutz, Du bist nicht klar im Kopf. Das hat keine Rechtskraft.

Lutz: Ich bin sogar sehr klar im Kopf, damit Du es genau weißt, Doktor. Ich geh in keine Klinik. Ich will auch an keine Schläuche. Ich will endlich sterben.

Schweigen.

Lutz: Kannst Du mir erklären, Doktor, weshalb... weshalb ich nicht sterben darf?

Dr. Marker: Nein.

Lutz: Siehst Du, ich fühle mich ganz zufrieden, ich hab ein wunderschönes Leben gehabt über 80 Jahre lang, aber Grete ist nun tot. Und da ist sowieso alles sinnlos. Meine Kinder sind groß und versorgt, meine Enkel gesund und munter. Und ich soll nicht gehen? Aber schööön, dass Du da bist.

Im Haus von Professor Brinkmann.

Prof. Brinkmann: Kommen Sie.

Schwester Christa: Ach, Sie spielen Klavier?

Prof. Brinkmann: Nein.

Schwester Christa: Ach, Käti.

Prof. Brinkmann: Oh nein. Meine Frau hat gespielt. Sie ist vor elf Jahren gestorben. Kommen Sie, setzen Sie sich. Komm, Jerry, lass uns allein. Hopps.

Schwester Christa: Ich bin früher einige Mal mit Udo ausgegangen.

Prof. Brinkmann: Jaja, ich weiß. Das heißt, ich hab's mir gedacht.

Schwester Christa: Das macht das so... schwierig. Und äh... außerdem...

Prof. Brinkmann: Ja?

Schwester Christa: Die neue Anästhesistin soll Ihre Freundin sein.

Prof. Brinkmann: Hat Udo Ihnen das gesagt?

Schwester Christa: Ja.

Prof. Brinkmann: Und darum die Absage?

Schwester Christa: (nickt)

Prof. Brinkmann: Ja, es ist richtig. Ich bin seit vielen Jahren mit Frau Doktor Bach befreundet. Aber seit einiger Zeit ist diese Freundschaft... na, wie soll ich sagen... sie ist nicht mehr das, was sie früher mal war. Es war auch nicht mein Wunsch, dass Frau Doktor Bach hier in die Klinik kommt.

Udo kommt nach Hause.

Udo: Vater, ich wollte... hallo. Guten Abend.

Prof. Brinkmann: Guten Abend.

Schwester Christa: Guten Abend.

Prof. Brinkmann: Ich war mit Käti im Konzert und da haben wir Schwester Christa getroffen.

Käti: Ja, an der Garderobe. Und ich hab sie eingeladen. Dein Vater ist ja manchmal etwas schwer von Begriff, ne? Komm, setz Dich, ich hol noch ne Tasse. 

Udo: Danke Käti, das ist lieb gemeint, aber... ich bin auch nicht allein. Gute Nacht!

Dr. Marker bei Lutz am Bett.

Dr. Marker: Tja.

Dr. Marker findet plötzlich noch zwei weitere Röhrchen Tabletten im Nachtischschrank.

Dr. Marker: Wo hast'n das her?

Lutz: Das sage ich nicht. Aber es war wohl zu wenig. Meeeensch, das dauert... und dauert...

Professor Brinkmann bringt Schwester Christa nach Hause.

Schwester Christa: Es war sehr schön. Danke!

Prof. Brinkmann: Ja, es war sehr schön. Aber nicht ohne Peinlichkeiten, nicht?

Schwester Christa: Das macht nichts.

Prof. Brinkmann: Nein?

Schwester Christa: Nein.

Professor Brinkmann steigt aus. Schwester Christa versucht vergeblich sich abzuschnallen.

Professor Brinkmann hilft ihr beim Abschnallen, sie sehen sich in die Augen und küssen sich.

Schwester Christa: Wir sind ja verrückt.

Prof. Brinkmann: Gott sei Dank!

Professor Brinkmann begleitet Schwester Christa zur Haustür.

Prof. Brinkmann: Gute Nacht!

Schwester Christa kann diesem Blick nicht widerstehen und küsst Professor Brinkmann.

Im Haus von Lutz.

Dr. Marker hält Wache. Der Morgen bricht an.

Herr Lutz kommt rein.

Herr Lutz: Sie Doktor? Um diese Zeit? Was is'n los?

Dr. Marker: Machen Sie doch nicht so nen Lärm.

Herr Lutz sieht zu seinem Vater.

Herr Lutz: Ist er tot? Der atmet ja kaum noch. Und Sie tun nichts? Der muss doch in die Klinik. Seit wann sind Sie denn hier?

Dr. Marker: Seit gestern Abend.

Herr Lutz: Was? Seit gestern Abend? Das glaubt man ja nicht. Da stirbt ein Mensch. Der Doktor steht rum und tut nichts.

Herr Lutz greift zum Telefon.

Herr Lutz: Hallo? Einen Krankenwagen. Ja, zum Flecken Mörsbrunn. Bauer Lutz. Und einen Arzt, aber schnell. Es geht um Sekunden. Danke!

Herr Lutz legt auf und geht zu Dr. Marker.

Herr Lutz: Das kommt Sie teuer zu stehen. Das garantiere ich Ihnen.

Im Chefarztzimmer. Professor Brinkmann stellt dem Ärzteteam die neue Kollegin Dr. Elena Bach vor.

Prof. Brinkmann: Meine Herren, ...

Udo: Guten Tag.

Prof. Brinkmann: ... zu Beginn unserer Morgenbesprechung möchte ich Sie hier mit Frau Doktor Bach bekannt machen, ...

Dr. Bach: Tag.

Prof. Brinkmann: ... unseren neuen zweiten Anästhesisten. Unsere schreckliche damenlose Zeit im Kollegium hat somit ein Ende.

Das Ärzteteam lacht.

Prof. Brinkmann: Ich habe viele Jahre mit Frau Doktor bach zusammengearbeitet und wenn sie nicht alles verlernt hat, kann ich Ihnen eine Spitzenkraft auf dem Gebiet der Anästhesie vorstellen.

Eine Stimme aus dem Lautsprecher ertönt.

"Doktor Rens, Notfalleinsatz, bitte zum Rettungswagen."

Prof. Brinkmann: Bitte schön.

Dr. Rens: Entschuldigen Sie.

Der Rettungswagen trifft an der Notaufnahme ein. Herr Lutz folgt hinterher.

Herr Lutz: Na?

Dr. Rens: Ihr Vater ist während des Transportes gestorben, Herr Lutz. Die Hilfe kam zu spät. Wollen Sie ihn nochmal sehen?

Herr Lutz: Warum kam die Hilfe zu spät? Weil Doktor Marker nichts unternommen hat. Er hat nur zugesehen, die ganze Nacht nur zugesehen. Ich werde ihn anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung.

Dr. Rens: Ich kann Ihren Schmerz verstehen.

Herr Lutz: Davon wird mein Vater auch nicht wieder lebendig.

Dr. Rens bei Professor Brinkmann im Chefarztzimmer.

Prof. Brinkmann: Und das ist wahr, dass Marker die ganze Nacht bei dem Kranken gesessen hat? Ohne was zu unternehmen?

Dr. Rens: Ja, er gibt es ja zu.

Prof. Brinkmann: Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Ist doch nicht möglich sowas.

Dr. Rens: Angeblich existiert ein Schreiben des Verstorbenen, unter keinen Umständen in eine Klinik zu wollen. Der alte Mann hat Schlafmittel geschluckt und andere Medikamente. Das konnte auch dem Doktor Marker nicht verborgen bleiben.

Professor auf dem Weg zu Dr. Marker nach Hause.

Prof. Brinkmann: Tag Ignaz.

Dr. Marker: Tag Klaus. Hast ja lange Zeit gebraucht, um bei mir mal vorbeizugucken.

Prof. Brinkmann: Na, Du weißt ja, wie das ist. Keine Zeit, nicht?

Dr. Marker: Ja. Und jetzt hast Du welche.

Prof. Brinkmann: Tja. Schönen Garten hast Du. Bei mir wächst vor allem das Unkraut.

Dr. Marker: Komm erstmal rein.

Prof. Brinkmann: Mein Gott, das ist eine Ewigkeit her, dass wir uns gesehen haben.

Dr. Marker: Naja, Du hast Karriere gemacht, ich bin Bauerndoktor geblieben, aber jetzt bist Du ja auch nicht zufällig vorbeigekommen, ne? Nu lass mal die Katze aus dem Sack. Willst was trinken?

Prof. Brinkmann: Ja. Die Ärztekammer hat einen Bericht angefordert, was das Ableben des Patienten Lutz angeht.

Dr. Marker: Joa, weiß ich. Hast Du ihn geschrieben?

Prof. Brinkmann: Nee, noch nicht. Ich muss erst mit Dir reden.

Dr. Marker: Was?

Prof. Brinkmann: Na, ich glaub das nicht.

Dr. Marker: Na, was?

Prof. Brinkmann: Dass Du ihn nicht versorgt hast.

Professor Brinkmann und Dr. Marker betreten das Haus.

Dr. Marker: Soso. Komm, setz Dich.

Prof. Brinkmann: Dass Du ihn nicht, weil Du überfordert warst, in die Klinik eingeliefert hast. Du sitzt doch nicht die ganze Nacht da und siehst zu, wie jemand stirbt, der am Leben gehalten werden kann.

Dr. Marker: Er wollte sterben.

Prof. Brinkmann: Ach komm komm komm, was ist das denn für ein Blödsinn, mensch. Er wollte sterben. Muss ich Dir sagen, dass es unsere Pflicht ist, das Leben zu verlängern? Nicht zu verkürzen?

Dr. Marker: Na, so redet einer, der in großen Kliniken die Menschen monatelang qualvoll und unwürdig krepieren lässt statt ihnen einen schnellen und friedlichen Tod zu gönnen. Bei Dir wundert mich das nicht. Dein Maschinenpark muss ja ausgelastet sein, nicht? Sonst rentiert es sich ja nicht.

Prof. Brinkmann: Du hast also die Medikamente, die der Patient offensichtlich eingenommen hat und die allmählich zum Exitus führen mussten aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands, du hast die als Gott gegeben, akzepiert und nichts unternommen?

Dr. Marker: So ist es. Lutz hatte entsetzliche Schmerzen. Nichts an ihm war noch in Ordnung. Nichts konnte repariert werden, nicht das Herz, nicht die Niere und nicht die Durchblutung und... er wollte Heim zu seiner Grete.

Prof. Brinkmann: Der Arzt als Herr über Leben und Tod, was?

Dr. Marker: Na, ich nicht. Du vielleicht.

Prof. Brinkmann: Und wo ziehst Du die Grenze? Bei Dreiundachtzig, Achtzig, Fünfundsiebzig? Hast Du einen besonderen Draht zum lieben Gott, dass Du ganz genau weißt, wie lange in welchem Zustand jemand noch zu leben hat? Patienten sagen oft aus Angst, dass ihnen nicht mehr geholfen werden kann, dass sie lieber sterben wollen. Und Deine Pflicht ist es, die Angst zu nehmen und zu heilen. Du bist nicht der verlängerte Arm der letzten Instanz.

Dr. Marker: Du auch nicht.

Prof. Brinkmann: Ignaz...

Dr. Marker: Mach Dein Bericht und lass mich in Ruhe.

Prof. Brinkmann: Du, es geht um Deine Existenz.

Dr. Marker: Und wenn man mir die Zulassung entzieht, dann setz ich mich auf den Arsch und lebe in Frieden. Du könntest ja mal von Deinem hohen Ross absteigen und über Stock und Stein in die entferntesten Gehöfte fahren und Kinder zur Welt bringen. Und wundgelegenen Opas den Po einschmieren.

Prof. Brinkmann: Mensch, darum dreht es doch gar nicht. Es geht darum, dass Du Sterbehilfe geleistet hast. Aktive Sterbehilfe, wenn Du den Tod medizinisch gefördert hast und passive Sterbehilfe, wenn wir nachweisen können, dass der Patient die Medikamente ohne Dein Wissen genommen hat.

Dr. Marker: Was, wenn... wenn wir nachweisen können? Ja, was hast denn Du damit zu tun?

Prof. Brinkmann: Ich bin als Zeuge auch vor Gericht.

Dr. Marker: Du? Du willst zu einem gerechten Ergebnis kommen? Du bist doch von vornherein gegen mich. Das musst Du ja auch, davon lebst Du ja. Dir geht es doch nur um medizinische Erfolgserlebnisse und nicht um die Gnade eines menschenwürdigen Todes.

Prof. Brinkmann: Ignaz, ich bin gekommen Dir zu helfen, nicht um Dir zu schaden.

Dr. Marker: Ach lass Deine Sprüche. Mach was Du willst. Für mich ist der Tod eines 87-Jährigen etwas Natürliches. Und ich komme auch nicht in Deine Folterklinik, wenn ich alt und sterbenskrank bin. Mehr kann ich Dir nicht sagen. Adieu.

Prof. Brinkmann: Du musst ja wissen, was Du tust.

Professor Brinkmann verlässt das Haus.

 

 

 

 

 

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