Die Schwarzwaldklinik

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Der elektrische Bazillus – Die Elektrifizierung des Tales

 

 

Als im Jahre 1879 Thomas Edison die Kohlenfarbenlampe erfand, wurde Elektrizität für Zwecke der Beleuchtung interessant. Bis dahin konnte man nur ein spärliches elektrisches Licht mit geringem Wirkungsgrad erzeugen. In den Städten hatte sich das Gaslicht etabliert, nur wenige Anlagen zur elektrischen Beleuchtung von Plätzen und Sälen waren in Deutschland vorhanden.

Durch kurz aufeinanderfolgende elektrotechnische Erfindungen wurde jedoch das Gaslicht immer mehr verdrängt. Bereits um die Jahrhundertwende setzte sich die elektrische Beleuchtung durch, und zwar nicht nur in Städten, sondern auch auf dem flachen Land.

Die Stadt Triberg darf sich rühmen, als erste im Land Baden mit elektrischem Strom beleuchtet zu haben. Bereits im Jahre 1881 zeigten sich nachts der Triberger Wasserfall und der Marktplatz in Triberg im Lichte von Lampen, die durch elektrischen Strom gespeist waren. Von solchen Vorreitern in Sachen Elektrifizierung ließen sich viele Städte und Gemeinden inspirieren.

Der Großherzogliche Generalsekretär Georg Berg veröffentlichte im Jahre 1910 einer einer Werbeschrift zur weiteren Verbreitung der elektrischen Energie folgende Zahlen, die deutlich machen, wie stark die Nutzung des Stromes um die Jahrhundertwende zugenommen hat:


Jahr

1893

1897

1901

1905

Betriebe mit mech. Kraftantrieb

 3659

 4272

 5034

 5659

davon verwenden Elektrizität

3

238

805

1508

 

Im Jahre 1895 nutzten nur 3,4 % aller Betriebe elektrischen Strom, 1905 waren es bereits 27 %. Nach solchen Zahlen, so schreibt er, „ist es nicht zu viel gesagt, wenn man von einem elektrischen Bazillus spricht, der immer mehr Gemeinden ansteckt und namentlich auf dem Lande den besten Nährboden findet.

Weiter schreibt er: „Wo ein Bächlein rauscht oder ein Mühlrad klappert, entdecken Ingenieure Wasserkräfte, die sich zur Erzeugung von elektrischer Energie eignen.“ Es wird an den Lokalpatriotismus appelliert, und möglichst in jedem Ort dem Müller, dem Schmied oder sonstigen Wasserkraftinhabern die Erstellung einer eigenen Anlage empfohlen.

Von solchen Schriften, wie sie damals in den Gemeinden verteilt wurden, haben sich vielleicht auch die damaligen Eigentümer des Glotterbades anregen lassen. Sie erbauten im Jahre 1900 am Platze der beim Jahrhunderthochwasser im Jahre 1896 zerstörten Hofsäge des Hofbauern das erste „Elektrizitätswerk“ im Glottertal, um ihre für damalige Verhältnisse hochmodernen Gebäudeeinrichtungen im Glotterbad mit den neuesten Errungenschaften der Technik auszustatten. Man hatte dazu mit Leo Strecker (damaliger Besitzer des Hofbauernhofes und Bürgermeister von Oberglottertal) verhandelt und war übereingekommen, dass das Grundstück samt des zu erstellenden Gebäudes gegen Pacht dem Glotterbad überlassen werden sollte, das aber für die Dauer des Bestandes des E-Werkes auf den Hofbauernhof kostenlos den Strom liefern sollte. Lediglich die technischen Einrichtungen wie Wasserturbine, Dynamos und Schaltanlagen sollten vom Glotterbad selbst beschafft werden. Bereits im selben Jahr lieferte das Werk 110 Volt Gleichspannung, die über Freileitung in das Kurhaus und Sanatorium geleitet wurde.

Ähnlich erging es wohl dem Schmiedemeister Georg Schuler sen. aus Oberglottertal, als er im Jahre 1905 an seine schon 1820 erbaute Hammerschmiede ein zweistöckiges Gebäude anbaute, in dem er dann ein Elektrizitätswerk einrichten wollte. Von dieser Investition erhoffte er sich wirtschaftlichen Aufschwung und Sicherung seines Familienbetriebes. Bisher hatte er seine Schmiede neben der dazugehörigen Landwirtschaft betrieben. Zwei oberschlächtige Wasserräder trieben jeweils das Hammerwerk und die Blasebälge.

Im Jahre 1896 hatte das Jahrhunderthochwasser auch sein Wehr und seine beiden Wasserräder beschädigt. Immer wieder repariert, waren sie 1904 am Ende. Die Erneuerung der Wasserkraftanlage stand an. An Stelle der Wasserräder, die einen hohen Arbeitsaufwand während des Betriebes im Jahreslauf erforderten, entschloss sich Georg Schuler, eine offene Schachtturbine mit vertikaler Welle einzubauen und damit zum einen die Schmiede wie bisher und nun in Zukunft auch das „Schulersche Elektrizitätswerk“ betreiben zu können.

Dem zukunftsorientierten Handwerksmeister Georg Schuler stand aber eine eher konservative Bürgerschaft als mögliches Kundenpotential gegenüber. Die Bauern hielten an überlieferten Arbeitsweisen fest, die Taglöhner waren nicht kapitalkräftig genug und überhaupt kam ein altes Sprichwort zum Tragen: „Was der Bauer nicht kennt, das mag er nicht.“

Es verlangte viel Geschick von Georg Schuler, mit Propaganda am Stammtisch und anderswo diese neue Technik populär zu machen und sich somit ein Kundenpotential zu schaffen. Denn was wollte er mit seinem Werk ohne die angeschlossenen Verbraucher. Der Erstellung des Werkes waren Verhandlungen mit der Gemeinde Oberglottertal vorausgegangen. Am 3. September 1904 wurde die Bauvoranfrage genehmigt. Ein halbes Jahr später, am 5. Mai 1905, wurde dem Georg Schuler die Konzession zur Erzeugung von el. Licht und Energie unter der Bedingung der weiterhin uneingeschränkten Nutzung der alten Wässerungsrechte der angrenzenden Grundstückseigentümer genehmigt. Diese bezogen über den Ablaufkanal des Werkes das Wasser zur Bewässerung ihrer Wiesen.

Für das nun genehmigte Projekt lieferte die Firma Grossmann aus der Schweiz zwei Dynamos, einen „Benz“ Sauggasmotor mit liegendem Zylinder, den dazugehörigen Vergaserofen und sämtliche Kabel und Schaltanlagen.

Mit der neu erstellten Turbine (52 PS) wurden wie bisher die Maschinen in der Schmiede betrieben und nunmehr über Riementrieb auch die E-Werks-Transmission mit Kraft versorgt. Auf dieser E-Werks-Transmission waren mehrere Riemenscheiben mit dazugehöriger Leerlaufscheibe mit ca. 1 m Durchmesser montiert. An diese eine Welle waren die Kraftmaschinen (Dynamos mit 25 kW) und die W-Turbine (52 PS) mittels der beschriebenen Leerlaufscheiben an- bzw. abzukoppeln.

Die zwei montierten Gleichstromdynamos lieferten die elektrische Energie, die dann bei Bedarf sofort an den Verbraucher abgegeben wurde. Wurde wenig Energie in den angeschlossenen Häusern im Dorf verbraucht, wurden die betriebseigenen Batterien geladen, um dann in den Abendstunden auch diese Energie an die Kundschaft abzugeben.

Diese Batterieanlage bestand aus 125 Zellen, die in Glasbehältern montiert waren. Durch die ständige Ladung und Entladungder Batterien entstand Knallgas, das wegen der dauernden Explosionsgefahr eine große Gefahrenquelle darstellte. Ebenso gefährlich waren auch die Gleichstromdynamos, die je nach Belastung ein mehr oder weniger großes Kollektorfeuer hervorbrachten.

Über die Sommermonate half der 1-Zylinder „Benz“ Sauggasmotor mit, die benötigte Kraft zu erzeugen. Der stark schwankende Wasserabfluss der Glotter machte das nötig. Betrieben wurde er mit Kokereigas, welches im werkseigenen Vergaserofen hergestellt und in einem Kessel gelagert wurde. Georg Schuler musste diese spezielle Anthrazitkohle regelmäßig vom Bahnhof Denzlingen mit Pferdefuhrwerken herbeischaffen. Sein Kohlebunker fasste 15 Tonnen Kohle. Über Rohrleitungen wurde das Gas zum Motor geleitet. Im Bedarfsfall wurde es mit der Wasserturbine angeworfen und lief dann mit gleicher Drehzahl mit der Wasserturbine mit.

Ein 2 m Durchmesser umfassendes Schwungrad am „Benz“ ließ eine beachtliche Schwungmasse entstehen. Mit seinen 25 Pferdestärken und 210 Umdrehungen pro Minute war er der erste Verbrennungsmotor im Tal.

Mit der Erstellung und Einrichtung des Werkes war auch die Montage von Freileitungen und Hausinstallationen nötig geworden. Diese Leistungen wurden allesamt von Schuler erbracht. Als Hauptleitung durch das Glottertal wurden 2 Kupferdrähte mit 95 mm Querschnitt auf Holzmasten montiert. Je nach Arbeitsaufkommen beschäftigte er als Elektromonteure:

  • Herrn Nefzger aus Denzlingen (heute Elektro schmidt)

  • Leopold Philipp aus Unterglottertal (heute Anwesen Müller)

  • Herrn Geiling (wohnhaft im Obergeschoß des neuerbauten Schulerwerkes)

  • Als „Mädchen für alles“ war Xaver Flamm(„Held Xaveri“) bekannt. Durch seine besonderen Fähigkeiten als Kletterer war er meist mit der Erstellung und Reparatur der Freileitung betraut.

  • Im Glotterbad war als Betriebselektriker Gustav Rosolowski tätig, der auch ab und zu bei Georg Schuler aushalf.

 

Die Kosten für die erzeugte Energie betrugen damals 60 RPf pro Kilowattstunde Lichtstrom. Die Glühlampen konnten auch pauschal abgerechnet werden. Man bezahlte:

 

1 St. 16 kerzige Lampe 8 RMK

1 St. 25 herzige Lampe 10 RMK

1 St. 32 kerzige Lampe 13 RMK

1 St. 50 kerzige Lampe 20 RMK

 

Die damalige Bezeichnung „kerzig“ übernahm man vom Erfinder Hafner-Alteneck, der ein Leuchtmittel erfunden hatte, das die damalige Einheit 1 Hafnerkerze Licht abgab. Je stärker das Licht sein sollte, umso mehr Kerzen musste es haben. Die Kraftstrompreise lagen bei 30 RPf pro KWh.

Das „Elektrizitätswerk Oberglottertal“ wurde nach den üblichen Anlaufschwierigkeiten von der Bevölkerung gut angenommen. Im Jahre 1910 waren bereits weite Teile der Gemeinden Oberglottertal, Ohrensbach und Unterglottertal mit Elektrizität versorgt, lediglich das Föhrental war noch unversorgt.

 

 

 

 

 

 

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